Schiffbaustahl Grade B nach ASTM A131
Einleitung & Positionierung
Schiffbaustahl Grade B nach ASTM A131 ist eine Normalfestgkeitsgüte mit zusätzlichen Zähigkeitsnachweis gegenüber dem Grade A und kombiniert eine Mindeststreckgrenze von 235 MPa mit einem formalisierten Zähigkeitsnachweis bei 0 °C, wie er von den meisten Klassifikationsgesellschaften für bestimmte Rumpfzonen gefordert wird. Die Güte ist insbesondere für Anwendungen ausgelegt, in denen das Material zeitweise kältere Temperaturen und Stoßbelastungen erfährt. In Neubauten wird Grade B häufig in Sekundärstrukturen eingesetzt, während AH36/DH36 die primären Tragzonen abdecken. Aufgrund der ausbalancierten Kombination aus Festigkeit, Zähigkeit, Schweißeignung und Kosten ist Grade B eine der am weitesten verbreiteten Güten im globalen Schiffbau.
Normen, Klassregeln & Zertifizierung
Die maßgebliche Materialspezifikation ist ASTM A131/A131M. Ergänzend gelten die Regelwerke:
- DNV – Rules for Classification, Part 2, Chapter 2
- Lloyd’s Register – Rules for the Manufacture, Testing and Certification of Materials
- Bureau Veritas – NR467
- ABS – Rules for Materials & Welding
Für Projekte im Neubau werden in der Regel Prüfbescheinigungen EN 10204 – 3.2 benötigt. Reparaturumfänge können oft mit 3.1 abgedeckt werden, abhängig von der einzelnen Klassvorgabe und der Position der Ersatzsektion im Schiff.
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Chemische Zusammensetzung & Metallurgische Grundlage
Grade B entspricht chemisch weitgehend Grade A, weist jedoch engere Fertigungskontrollen auf, um die geforderte Zähigkeit bei 0 °C sicherzustellen. Die Zusammensetzung folgt:
- C ≤ 0,21 %
- Mn ~ 0,7–1,6 % (abhängig vom C‑Gehalt)
- Si ≤ 0,50 %
- P/S ≤ 0,035 %
Diese Werte ergeben eine niedrige CEV‑Kennzahl, wodurch der Werkstoff eine ausgezeichnete Schweißeignung besitzt. Die Mikrolegierung ist minimal gehalten, um Kosten und Verarbeitungsaufwand gering zu halten. Für Schweißprozesse mit höherer Wärmeeinbringung ist dennoch auf kontrollierte Zwischenlagentemperaturen zu achten, um Grobkornzonen und mögliche Kalt- oder Härterisse zu vermeiden.
Mechanische Eigenschaften & Zähigkeit
Grade B ist ausgelegt auf:
- ReH ≥ 235 MPa
- Rm ~ 400–520 MPa
- Bruchdehnung ≥ 20–22 %
Die entscheidende Eigenschaft gegenüber Grade A ist jedoch die verpflichtende Charpy‑V‑Kerbschlagzähigkeit bei 0 °C, deren Mindestenergien in Abhängigkeit von der Dicke und der jeweiligen Klassorganisation definiert sind. Durch diesen Zähigkeitsnachweis wird Grade B technisch robuster gegenüber Stoß- und Vibrationsbelastungen sowie tieferen Temperaturen.
Lieferzustand & Wärmebehandlung
Grade B wird üblicherweise in folgenden Zuständen geliefert:
- AR – As Rolled
- CR – Controlled Rolled (für gleichmäßigere Zähigkeit)
- N – Normalized (empfohlen bei größeren Dicken oder erhöhten Qualitätsanforderungen)
- TMCP – Thermo-Mechanically Controlled Processed (optional, abhängig vom Hersteller; verbessert Zähigkeit und Ebenheit deutlich)
Bei projektspezifischen WPS‑Anforderungen kann der Normalisierzustand oder TMCP Pflicht werden, insbesondere bei dicken Blechen oder strengen Vorgaben der Klassifikationsgesellschaften.
Verarbeitung & Schweißtechnik
Die Schweißeignung ist exzellent. Für Standardanwendungen genügen Schweißzusätze der Festigkeitsklasse ER70S-6 (z.B. G3Si1 nach ISO 14341). Bei dickeren Blechen sollte der Wärmeeintrag moderat gehalten werden. Sinnvoll sind:
- gereinigte und korrekt gefaste Kanten
- kontrollierte Zwischenlagentemperatur (typisch ≤ 150–175 °C)
- kontrollierte Abkühlung zur Vermeidung von Härteeinlagerungen
- UT‑Prüfung nach EN 10160 bei kritischen Zonen
Grade B weist im Vergleich zu Grade A ein etwas homogeneres Verhalten bei variierenden thermischen Bedingungen auf. Dies schlägt sich in stabileren Schweißergebnissen bei wechselnden Einsatztemperaturen nieder.
Typische Anwendungen & Branchen
Grade B findet breite Anwendung in:
- Doppelbodenstrukturen, Quer- und Längsversteifungen
- Innenstrukturen, Tankschotten und Plattformen
- Decks und Sektionen mit reduzierten, aber vorhandenen Tieftemperaturanforderungen
- Reparaturprojekten in Handelsschiffen, Tankern, Bulkern
- Offshore‑Hilfsstrukturen, z. B. Wartungseinheiten oder modulare Aufbauten
Durch die zusätzliche Zähigkeitsanforderung wird Grade B besonders häufig in Konstruktionen eingesetzt, die in Übergangszonen zwischen warmen und mäßig kalten Gewässern operieren.
Vorteile, Grenzen & Alternativen
Vorteile:
- zuverlässige Zähigkeit bei 0 °C
- sehr gute Schweißeignung
- günstige Verfügbarkeit
- wirtschaftlicher als D/E‑Güten mit tieferen Zähigkeitsanforderungen
Grenzen:
- nicht geeignet für polare oder arktische Einsatzumgebungen
- nicht ausreichend für hochdynamische Lastfälle
Alternativen:
FAQ – Beschaffung & Projektpraxis
Wann ist Grade B Pflicht?
Wenn Klassregeln für die Position des Bauteils Zähigkeit bei 0 °C verlangen.
Wie unterscheidet sich B von A in der Praxis?
Grade B zeigt berechenbarere Zähigkeit und wird für sicherheitsrelevante Sekundärstrukturen bevorzugt.
Kann man Grade B problemlos schweißen?
Ja – der niedrige CEV erlaubt weitgehend unkritische Verarbeitung, sofern Standard-WPS eingehalten werden.

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